Christian Brandl, Fortsetzung
Brandl zeigt die Sublimierung und Kulturalisierung der Protagonisten westlicher Gesellschaften nur andeutungsweise als einen klassischen Entfremdungsprozess, wenn er etwa einen gut gekleideten Anzug-und-Krawatten-Träger durch eine Naturlandschaft spazieren lässt. Indem er ihre kultivierte Geschlechtslosigkeit malerisch einfriert, ihre Leidenschaften in einem subtilen psychologischen Prozess der Entpersönlichung entsinnlicht und in einen scheinbar zeitlosen Fashionism kleidet, entzeitlicht er die szenischen Darstellungen. Genauer: Er überführt die szenischen Momente in eine Sphäre der Zeitlosigkeit, als wäre das dem Schweiße seines Angesichts enthobene Bürgertum, seine Lebensart und Kultiviertheit kein vorübergehendes Phänomen, sondern ein notwendiger und soziologisch dauerhafter Zustand. Recht eigentlich präsentiert Brandl seine Protagonisten weder als Individuen noch als Figuren, sondern als Darsteller einer Kultur, die ihre eigenen Wurzeln überwunden zu haben glaubt - trotz des Unbehagens, das aus jeder scheinbar zufälligen Geste und jedem noch so flüchtigen Blick spricht. Insofern lassen sich Brandls Bilder als eine unparteiische, in ihrer ästhetischen Indifferenz geradezu charmante Kulturkritik lesen, die einen Menschentypus hervorgebracht hat, der seines Wesens verlustig gegangen ist und nur mehr das Image des eigenen Menschseins repräsentiert; ein Flaneur, der zu leicht geworden ist, um ein Schicksal zu erleiden, und der die Situationen seines Lebens nur mehr szenisch durchlebt; ein Beziehungswesen, das in seinem selbstzentrierten und selbstinszenierten Narzissmus befangen bleibt.
Christian Brandl absolvierte von 1987 bis 1989 eine Ausbildung zum Buchhändler und besuchte von 1991 bis 1994 das Norbertinum in Magdeburg. Danach studierte er von 1994 bis 1999 Malerei und Grafik an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig bei Arno Rink. 1999 wurde er Meisterschüler bei Ulrich Huchalla. Seit 2002 ist er freiberuflicher Maler und Grafiker in Leipzig.
ückblick 2024: Christian Brandls Malerei ästhetisiert die bürgerliche Existenz bis zur Überkenntlichkeit – unter glatter Oberfläche lauern Abgründe.Christian Brandl, FortsetzungChristian Brandl führt dem Betrachter das scheinbar gesicherte Selbst der bürgerlichen Existenz vor Augen, indem er es bis zur Überkenntlichkeit ästhetisiert. Unter der glatten, idealisierten Oberfläche ahnt man die Abgründe, ohne dass sie sichtbar würden. Man gewinnt den Eindruck, dass die Darsteller des spätmodernen bürgerlichen Theaters kurz davorstehen, sich in die Benutzeroberflächen ihrer Wirklichkeits- und Selbstwahrnehmungen aufzulösen.